Einführung

Einführung

Geschichten berühren uns alltäglich. Durch Geschichten nehmen wir an der Welt der Anderen teil, wir schlüpfen in Rollen, tauschen Positionen. Geschichten unterhalten und lassen uns den Alltag vergessen. Wir saugen sie auf, wir sind mittendrin.

Jeder erfährt Geschichten auf eine andere Art und Weise. Wir konstruieren ihre Bedeutungen in Zusammenhang mit unserem eigenen Erlebten, unserer eigenen Vergangenheit. Dabei greifen wir auf Traditionen zurück, die uns beigebracht wurden, die wir uns angeeignet haben. Traditionen des Umgangs miteinander, der expliziten und impliziten Kommunikation; Traditionen des Sozialen und des Interaktiven. So können wir Geschichten einordnen, sortieren und anderen Menschen erzählen.

Wir verstehen unsere Musik und unsere Filme als solche Geschichten. Sie sind komplexe Gewebe. Sie erzählen nicht eine Geschichte, sondern knüpfen an die Welt des Betrachters an. Sie holen ihn ab und kommunizieren mit ihm ganz individuell.

5 Minuten. Das ist die durchschnittliche Dauer der Geschichten in unserem Konzert. Die gespielte Musik des 17. Jahrhunderts aus Leipzig und Kroměříž sowie die gezeigten Kurzfilme von deutschen und tschechischen Regisseuren sind kurze, furiose Erzählungen. In nur 5 Minuten erschaffen sie eine Welt, füllen Räume und Gedanken.

Überraschenderweise ist nicht die Zeit oder der Ort ihrer Entstehung entscheidend für unser Verständnis, sondern ihre jeweils spezifische Offenheit: die Filme reizen mit ihren starken Bildern visuelle Verknüpfungen an (mehr hierzu im Artikel von Claudia Cornelius) und die Musik reizt mit ihrem von expliziten Beschreibungen gelösten fließende(n) Charakter die freie, emotionale Assoziation. Wir gehen mit Ihnen gemeinsam auf die Erkundung von unbekanntem Terrain – wir betreiben die Exploration der Grenzen unserer individuellen Imagination.

Wieso aber die Kombination Deutschland/Tschechien? Wir sind Nachbarn und haben uns viel zu sagen, aber selten die Gelegenheit dazu gemeinsam zu denken, an einem Projekt zu feilen und ein Experiment durchzuführen. Für vier Konzerte öffnen wir die Tür zum individuellen, unpolitischen Dialog: wir laden ein, gemeinsam Emotionen nachzugehen und sowohl Vertrautheit als auch Fremdheit in Frage zu stellen. Die Traditionen in den Vordergrund zu rücken, auf die wir uns stillschweigend immer wieder berufen und die doch nicht so unterschiedlich sind, wie wir manchmal befürchten. Nicht nur zwischen Deutschland und Tschechien gibt es mehr verbindende Traditionen als wir hoffen, sondern auch zwischen jedem einzelnen von uns. Wir erzählen uns Geschichten und wir verstehen diese Geschichten.

Wir sind junge Künstler aus Deutschland und Tschechien, die mit Ihnen ein Experiment durchführen wollen: wir möchten ein Konzert voller Eindrücke, voller Schwung und Emotionen anbieten. Sie als Besucher sind ebenso Teil des Konzertes. Durch Ihre Teilnahme, durch Ihre Aufmerksamkeit und individuelle Interpretation werden unsere Geschichten erst ganz – erst dann machen sie Sinn. Wir möchten mit Ihnen in Dialog treten und wissen, was Sie während des Konzerts bewegt hat. Sprechen Sie uns doch nach dem Konzert an und nehmen teil an unserem Dialog.

Wir danken allen, die mit uns auf diese Reise gehen! Wir danken aber auch Individuen, die dieses Projekt durch ihren Einsatz erst möglich gemacht haben. Insbesondere Dennis Brauer Iversen, Claudia Cornelius, Sabine Schemmrich und vielen anderen. Wir danken natürlich auch den Institutionen, die unser Projekt unterstützen: Deutsch-Tschechischer Zukunftsfonds (Hauptsponsor), Studentenwerk Leipzig, Studierendenrat der Hochschule für Musik und Theater Leipzig, Musikhaus Thomann. Und den Veranstaltungspartnern unserer Reise: Schloss Burgk, cinematheque Leipzig e.V., Hudební Lahudky.

Felix Görg und Michaela Bieglerová

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